Abschied

(Kurzgeschichte)

Das Grab ist verwachsen, die Blumen verwelkt, am Baum hinter dem Grabstein hängt eine zerrissene Plastiktüte und raschelt in der Luft. Die streuenden Hunde aus dem Dorf lauern zwischen den Gräbern, in der Hoffnung, etwas Essbares zu finden. Auf der Straße donnert der Drucklufthammer. Endlich wird der Eingang zum Friedhof neu gemacht. Der Geruch von frischem Teer steigt ihr in die Nase und treibt ihr die Tränen in den Augen. Oder ist es vielleicht der unerträgliche Gedanke, dass es kein Abschied gab und es nie einen geben wird.

Ihre Mutter macht sich leise an die Arbeit. Sie putzt das Grab, zieht das Unkraut heraus, zündet Kerzen an.

Sophie starrt das Foto auf dem Grabstein an. Ein schönes Foto, denkt sie, aus der Jugend. Die hohe Stirn, das Lächeln um die Lippen, die blauen Augen. Das Foto ist schwarz/weiß, aber die blauen Augen sind ihr so in Erinnerung geblieben, dass sie sie auch auf diesem Foto als blau empfindet. Sie kniet nieder und betrachtet das Foto sehr lange. Die Tränen laufen und laufen unaufhörlich hinunter, aber sie macht gar keinen Anstand, sie zu stoppen. Sie versucht, sich einzuprägen, dass ihre Oma tot ist und nie wieder um die Ecke kommen und zu ihr sagen wird: „Бабино детенце“ („Omas Kindchen“).

Omas Kindchen ist schon lange kein Kind mehr, aber Sophie hört gern diesen Satz, sehr gern sogar. Sie sitzt auf der Couch neben ihrer Oma und schmiegt sich an ihre Schulter. Die Oma legt ihren Arm um die Enkelin, zieht sie fest an sich heran und sagt: „Omas Kindchen, Omas Kindchen“. Diese Worte, die Berührung, die Wärme und die Geborgenheit. Als ob in diesen zwei Worten den ganzen Sinn der Liebe enthalten ist. Und für Sophies ist es so. Sie kann sich keinen besseren Ausdruck vorstellen.

Sophies Mutter bereitet in der Küche das Abendessen vor. Sie ist still und bedrückt. Ihre Schwester sitzt auch schweigsam am Tisch. Wie sollen sie ihr das sagen? Wer?

Sie weiß es schon, sie spürt es. Sie drückt Sophie immer fester an sich und sagt: „Omas Kindchen“.

Der unendliche Flur im Krankenhaus ist voll mit Menschen. Die Luft ist stickig, das grässliche Neonlicht schmerzt in den Augen. Geschäftige Krankenschwestern in schmutzigen Kitteln, die mal weiß gewesen sind, huschen von einem Zimmer in das nächste. Auf einer Barre röchelt ein alter Mann. Ein Schlauch führt aus seiner Kehle zu einem Beutel, der an einer Stange hängt. Sein Arm hängt leblos von der Barre hinunter. Sophie sitzt regungslos auf einer Bank und lehnt an die grüne Wand, deren Putz teilweise abgeblättert ist. Ihre Tante sitzt neben ihr und spielt nervös an ihrer Halskette. Aus der Ferne erkennt Sophie den Arzt, der sich durch den überfüllten Flur durchschiebt und zielstrebig auf sie zugeht. Sophies Herz beginnt zu pochen, sie steht auf und merkt, dass ihre Knie zittern und es ihr schwindlig wird. Der Arzt gibt ihr ein Blatt Papier und sagt etwas, was Sophie, dumpf und sehr leise vernimmt: „Knochenkrebs. Es tut mir Leid. Die Metastasen sind sehr fortgeschritten und im ganzen Körper. Sie müssen sie nächste Woche zur Chemo mitbringen.“ Sophie schwankt. Ihre Tante steht wie im Flur verwurzelt und bringt kein einziges Ton heraus. Über ihr schlaffes, müdes Gesicht laufen stumm Tränen hinunter.

Die Oma drückt Sophie immer fester an sich und streichelt ihr über den Kopf und den Arm. „Weine nicht“, sagt sie ruhig, „Не плачи, бабино детенце, баба няма да се предава.“ („Weine nicht, Omas Kindchen, Oma gibt nicht auf!).

Sophie zündet eine Kerze an und steckt sie in die Erde neben dem Foto.

 

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© Lili Krasteva, 2016